Historisches Museum im Marstall
Historisches Museum im Marstall

Scherben schreiben Geschichte

06.06.2007
Anatolij Gorbunov (links) und Sönmez Aymergen setzen über 300 Jahre alte Scherben aus dem Wassergraben von Schoß Neuhaus wieder zusammen. Foto: LWL/Spiong
Anatolij Gorbunov (links) und Sönmez Aymergen setzen über 300 Jahre alte Scherben aus dem Wassergraben von Schoß Neuhaus wieder zusammen. Foto: LWL/Spiong
Paderborn (IP). Von 1980 bis 1992 hat Hans Joachim Nachtmann den Schlossgraben in Neuhaus nach Funden abgesucht, mit gutem Erfolg: Über 220 Kisten mit Scherben aus Keramik und Glas sowie Metalle und Knochen kamen dabei zusammen. Er übergab die Funde der Stadt, damit sie wissenschaftlich untersucht und der Öffentlichkeit präsentiert werden. Die LWL-Stadtarchäologie Paderborn, die Pigal e.V. und das Historische Museum im Marstall haben sich nun zusammengetan, um sich dieser Aufgabe zu stellen.

Die Arbeit scheint nicht schwer und doch kommen die 15 Teilnehmer des Projektes häufig ins Schwitzen: Viele Kisten mit Bruchstücken von Töpfen, Bechern, Kannen und Tellern sollen zusammengepuzzelt werden. Die meisten sehen gleich aus, doch Sönmez Aymergen, seit zwei Monaten Teilnehmer des Projektes, weiß es besser: 'Scherben des gleichen Topfes erkenne ich an derselben Form und an der Glasurfarbe. Nur wenn wir vorher genau sortieren, finden wir aneinanderpassende Stücke, die wir dann auch gleich zusammenkleben.' So wie Sönmez Aymergen sind auch die anderen Teilnehmer des Projektes aus dem Ausland nach Deutschland gekommen. Sie wollen ihre Deutschkenntnisse verbessern, um am Arbeitsmarkt bessere Chancen zu haben. Zwei Tage in der Woche haben sie Unterricht, ein Teil findet direkt bei der Arbeit statt. Gleichzeitig lernen sie viel über die Paderborner Geschichte, indem sie täglich Bruchstücke des Mittelalters in ihren Händen halten. Die sprachliche Qualifizierung und Betreuung erfolgt durch Pigal e.V. - die Paderborner Initiative gegen Jugendarbeitslosigkeit, finanziert von der Arbeitsgemeinschaft für Arbeit im Kreis Paderborn (ARGE). Die Leitung vor Ort übernahm der Archäologe Levent Esli, Pigal-Mitarbeiter auf einer ABM-Stelle, die anteilig ebenfalls mit ARGE-Mitteln ermöglicht wurde. Mit Unterstützung der Paderborner Stadtarchäologie sorgt er nun dafür, dass das Team bis Ende des Jahres alle Scherben aus dem Schlossgraben wieder zusammensetzt, damit sie für die weitere wissenschaftliche Bearbeitung vorbereitet sind. Besondere Funde beschreibt er in einer Datenbank und fotografiert sie, damit am Ende der Maßnahme für eine kleine Ausstellung im Historischen Museum im Marstall ausgewählt werden können. 'Mit der Bearbeitung der Funde erschließen wir eine neue Sicht auf die Schlossgeschichte,' freuen sich Museumsleiter Dr. Norbert Börste und Stadtarchäologe Dr. Sven Spiong: 'Besonders bei der Suche nach einem möglichen Vorgängerbau des Schlosses werden uns die Funde auf eine neue Spur bringen.'