Submenue

Gedenken ist Zukunftsaufgabe

Ehemann und Kinder von Lotte Kosses auf Spurensuche in Paderborn

03.11.2008
Von Rüdiger Kache (Text und Fotos)

Paderborn (WV). Nein, Berührungsängste habe er nicht, bekennt Dr. Daniel Wyler (50). »Deshalb bin ich mit meiner Schwester Karin und meinem Vater Samy gern hierher gekommen in diese Stadt, die die Familiengeschichte meiner von den Nazis vertriebenen Mutter Lotte Kosses in den Mittelpunkt einer Ausstellung gestellt hat.«
»Ausgemerzt, ausgelöscht« heißt die von Dr. Margit Naarmann und dem Leiter des Stadtmuseums, Markus Runte, konzipierten Ausstellung im Adam- und Eva-Haus, die am Sonntag eröffnet wurde.

Die Nachfahren von Lotte, die als 13-Jährige 1939 allein nach England auswandern konnte, sind dankbar für die große Aufmerksamkeit, die Paderborn dem Schicksal jüdischer Mitbürger zwischen 1933 und 1945 widmet.
Und sie sind überrascht, wieviel sie selbst über die Kindheitstage ihrer Mutter erfahren können. Denn Lotte Wyler, wie sie nach der Heirat mit dem heute fast 90-jährigen Schweizer Samy heißt, spricht nicht über diese Zeit in Paderborn. Sie geht von England nach Israel, wo sie nach dem Krieg die erste Stewardess der El Al wird. Sie fliegt um die ganze Welt. Nur nach Deutschland, geschweige denn nach Paderborn, will sie nie zurück. Sie stirbt 1991 im Alter von 65 Jahren.

Lottes Schwester Hilde schlägt sich 1938 auf eigene Fast durch nach Palästina und Bruder Hans überlebt schwer verletzt die Schrecken im KZ. Die Eltern Albert und Bertha sowie das Nesthäkchen Henny überleben nicht.

»Schuldgefühle und Mitleid sind denkbar schlechte Partner.« Darin sieht Dr. Daniel Wyler auch den Grund für die von Holocaust-Überlebenden oft beklagte Sprachlosigkeit vieler Deutscher, wenn es darum geht, sich mit der eigenen Geschichte zu befassen und zu hinterfragen, was denn damals geschah mit den ehemaligen Nachbarn. Der Schweizer Arzt ist Gerichtsmediziner, war bei der Öffnung von Massengräbern im Kosovo vor Ort und half mit, Opfer des Tsunami zu identifizieren. »Vielleicht hat mir das Schicksal meiner Mutter und ihrer Familie diesen Weg vorbestimmt.«

Bürgermeister Heinz Paus dankte gestern der Familie Wyler dafür, dass sie der Einladung der Stadt gefolgt sei. »Es ist uns als Stadt und Bürger ein Anliegen, die Erinnerung wach zu halten«, sagte Paus im Hinblick auf die Gedenkfeiern zur Reichspogromnacht am 9. November 1938, dem Wendepunkt von der Judenverfolgung zur planmäßigen Vernichtung in ganz Europa.

Dr. Margit Naarmann, die sehr intensiv die Schicksale jüdischer Familien in Paderborn erforscht hat, zeichnete in ihrer Ansprache das Bild der Heimat Deutschland, die für viele Juden zur tödlichen Heimat wird. »Auch in Paderborn wurde lange geschwiegen«, will sie erreichen, dass das Gedenken eine Zukunftsaufgabe bleibt, auch wenn nach dem Tode der letzten Zeitzeugen dieses Kapitel nur noch in den Geschichtsbüchern nachzulesen sei.
Mahnen, aufrütteln, emotionalisieren: Das ist es, was Markus Runte mit dieser einzigartigen Ausstellung erreichen will.

Mehr als 200 Besucher kamen allein am Sonntag, Es werden bis zum 22. Februar hoffentlich viele tausend sein.

© Copyright 2008 WESTFÄLISCHES VOLKSBLATT.